Vermeer in voller Größe

Der Gabentisch biegt sich vor Vergnügen unter diesem Taschen-Buch

Der Perlenohrring des gleichnamigen Mädchens mißt jetzt zwei Zentimeter, der der Briefeschreiberin sogar zweieinhalb. Das zerbrechliche Glas, das die Weintrinkerin an ihre Lippen führt, ist fast lebensgroß. Wirkt es zerbrechlicher? Was die Briefeschreiberin zu lesen bekommt, können wir trotz XXL-Vergrößerung immer noch nicht entziffern. Und was eine andere bildschöne Briefeschreiberin da zu Papier bringt, bleibt auch im Jumbo-Format ihr Geheimnis. Das Krakelee auf einem gut 450 Jahre alten Gemälde erscheint in der Vergrößerung auf einmal wie Sorgenfalten auf der blassen Stirn der „Frau mit Laute“, und überhaupt: was bringt Vermeer im XL-Format?

Bringt uns der neuste Klassiker aus dem Taschen-Verlag die Größe des bescheidenen Johannes Vermeer (1632 bis 1675) näher? Geben die Bilder unter der Vergrößerungslinse ihre Geheimnisse preis? Oder fixt der Verleger und Buchregisseur Benedikt Taschen („directed and produced by“) unseren Voyeurismus mit einer weiteren XL-Sonderdroge an?

Vermutlich entspricht das Schwergewicht „Vermeer. Das vollständige Werk“ einfach dem Prinzip Angstblüte, nach dem Obstbäume vor dem Absterben nochmals besonders schöne Blüten treiben.

Eine schöne, opulente, gar prachtvolle Buch-Blüte ist dieses Werk allemal, das sich dem seltsamen, wundervollen Vermeer in ganzer Breite und Ausführlichkeit widmet. Dessen Bekanntheit zu seinen Lebzeiten über seine Heimatstadt Delft und auch dort über einen engen Kreis von Auftraggebern kaum hinaus ging. Sein Name geriet nach seinem Tod in Vergessenheit. Außerhalb seiner Heimat liefen seine Bilder unter dem Namen anderer Künstler. Erst 1860 wurde er wiederentdeckt, erlebte dann allerdings binnen weniger Jahre einen spektakulären Nachruhm.

Vermeer hinterließ nicht mehr als 35 überwiegend klein- und mittelformatige Bilder – ein schmales künstlerisches Werk, das sich zudem auf wenige, aus dem Leben des holländischen Bürgertums gegriffene Themen beschränkt. Nach wenigen Frühwerken hat er, im Alter von 27 Jahren, sein Thema gefunden, das ihn bis zu seinem Tod beschäftigte: das Interieur. In immer wieder variierten, aber ähnlichen Räumen stellt uns Vermeer seine stillen Szenen mit meist nur einer, manchmal auch mehr Figuren vor Augen. Die Motive sind beschränkt und zählen doch heute zu den Stars in den Museen der Welt, zumal im neu eingerichteten Trakt des niederländischen Gouden Eeuw im Amsterdamer Rijksmuseum, wo Vermeers stille Bilder wie Kultobjekte umlagert werden.

Die schmale Produktion – keine Zeichnungen, Aquarelle, keine Druckgrafik – kommt diesem Taschen-Buch entgegen. Denn so kann der Titel halten, was er verspricht. Sämtliche Vermeer-Gemälde, auch die dubiosen und einer Fälschung überführten, sind erfasst und im Anhang einzeln besprochen. Der Verlag hat keine Mühen und keinen Aufwand gescheut, uns Vermeer nahe zu bringen. 18 der 35 heute bekannten Vermeer Gemälde wurden für dieses Buch neu fotografiert. Man stelle sich den Aufwand vor!

Wie gerne wäre man dabei gewesen, wenn die kostbaren Bilder nachts in den weiten der Weltmuseen von der Wand genommen, dann vielleicht nach Jahrhunderten erstmals aus dem Rahmen entfernt, auf einer Staffelei zu stehen kamen, um unter schwerer Bewachung versteht sich, von einem Fotografen abgelichtet zu werden.

Kein Wunder daß sich der Verleger die Gelegenheit nicht nehmen ließ, die neuen Aufnahmen regelrecht zu zelebrieren. Wir sehen sie in mehreren Variationen, Ausschnitten, Detailaufnahmen auf einer, zwei, gar drei Klappseiten.  

Als Autor konnte Karl Schütz gewonnen werden. Ein Glücksfall. So wird dem Übergewicht an Bildern ein schlanker, kundiger Text beigesellt. Denn Schütz, ab 1972 Kurator an der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums in Wien und von 1990 bis 2011 dessen Direktor, verzichtet auf spektakuläre Enthüllungen und steile Thesen. Seine klug und klar geschriebenen Ausführungen dienen dem Werk – und dem Leser. Selbst die oft angestellte Vermutung, der Maler habe bei seiner Arbeit eine Camera obscura zum Einsatz gebracht, wie sie im siebzehnten Jahrhundert als künstlerisches Hilfsmittel allmählich üblich wurde, nimmt er zurück. Schütz vermutet, Vermeer habe seine Perspektiven stattdessen auf die traditionelle Art mit Nadel, Faden und Kreide konstruiert. Das ist weniger spektakulär und hieft Vermeer auch nicht auf den Weg hin zu einer „Moderne“. In Vermeers Nachlass findet sich keine Spur einer Camera obscura. Auch das ist noch kein Beweis. Denn schließlich tauchen dort, wie Schütz ausdrücklich vermerkt, auch all die Musikinstrumente, Silberkannen, Globen. Landkarten und türkischen Webteppiche, die in seinen Bildern verewigt sind, in der Hinterlassenschaft des mit dreiundvierzig Jahren gestorbenen Malers nicht auf.   

Was Schütz seinem Essay allerdings beigesellt ist eine exzellente Auswahl an Verweisbildern aus dem Goldenen Zeitalter der altniederländischen Malerei. So können wir aus dem Besten dieses immensen Malereischatzes auswählen und vergleichend lernen, staunen, hin- und her blättern, uns begeistern, wundern und dem Phänomen Vermeer auf die Spur kommen.

Was Hans Belting in seinem Standartwerk „Spiegel der Welt. Die Erfindung des Gemäldes in den Niederlanden“ herausarbeitet, daß das gerahmte Tafelbild erstmals in den Niederlanden ab 1430 einen „Spiegel der Welt“ und ebenso oft ein „Fenster zur Welt“ darstellt, gilt sicher auch für den Maler aus Delft. Allerdings mit der Besonderheit, daß Vermeers Gemälde uns in einen Ausschnitt der Welt blicken lassen, also ein Fenster in eine Welt sind. In dieser aber scheint die Zeit, so momenthaft und beiläufig die Szene auch wirkt, still zu stehen. Die Zeit spielt keine Rolle. Sie erscheint als ewig anwesend, ewig bewegt, wie die Luft, die Vermeers Figuren atmen.

C.F.S.

Vermeer. Das vollständige Werk
Taschen XL, 99 Euro in einem Pappkoffer samt Henkel zu
mitnehmen

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