Neue Töne

Das „Studio für elektronische Musik“ zieht nach Haus Mödrath. „Jetzt ist: Utopie. Das ist wichtig.“

Neue Heimat. Burg Mödrath am Rande des Marienfeldes nimmt das WDR-Studio für Elektronische Musik auf

Da war doch mal was? Das Studio für elektronische Musik, gleich von drei Komponisten – Werner Meyer-Eppler, Robert Beyer und Herbert Eimert – und einem unabhängiger Kopf (dem Intendanten des Nordwestdeutschen Rundfunks) in einer Nachtaktion 1951 gegründet,  bezog sein zentrales Quartier am Kölner Wallrafplatz. Es sollte aus bescheidenen Anfängen zu einem ungeahnten Impuls für die neue Musik und überhaupt für die Avantgarde im Nachkriegsdeutschland werden. Die Kunststadt Köln hatte im Studio für elektronische Musik eine Urzelle.

Jetzt, gut 55 Jahre nach seiner Gründung, will der WDR dem Studio „eine neue Zukunft“ geben. Das über dreißig Jahre lang von Karlheinz Stockhausen künstlerisch geleitete Studio verlässt nach fast 70 Jahren Köln, um in Kerpen neu aufzuschlagen. Nach Umbauarbeiten soll es in der Remise von Hauses Mödrath, untergebracht und dort neu ausgerichtet werden.

Bereits vor der Eröffnung von „Haus Mödrath – Räume für Kunst“ hat die gemeinnützige Stiftung Haus Mödrath im Frühjahr 2015 dem WDR die kostenfreie Nutzung der ersten Etage der Remise angeboten. Wie der Kölner Kunstsammler und Geschäftsführer der OHRA GmbH, Andreas Hölscher, das verfallene, klassizistische Herrenhaus (Baujahr 1830) mit seiner 7,5 Hektar Parklandschaft entdeckte, beschreibt er auf der Webseite der von ihm gegründeten Stiftung: „Auf der Suche nach einem Bürogebäude stieß ich beim Googeln als erstes auf dieses Anwesen. Als mittelständischer Unternehmer und mit beiden Beinen auf dem Boden kam das Haus als Bürogebäude natürlich nicht in Frage. Doch bereits seit zwei Jahrzehnten schwebte es mir vor Kunst – zeitgenössische Kunst – auszustellen.“ Und weiter: „Schon bei meinen ersten Recherchen zum Haus erfuhr ich, dass in diesem Gebäude der weltberühmte Komponist und Begründer der neuen Musik Karlheinz Stockhausen zur Welt kam, der namensgebende Ort Mödrath dem Braunkohletagebau zum Opfer fiel und verschwand, die in den 1830er Jahren zum Anwesen gehörige Mödrather Mühle Farbpigmente aus Holz gewann und dass das Haus als erstes im gesamten Kreis elektrifiziert war. Mehr und interessanter geht doch gar nicht.“

Geht doch. Der WDR ging auf Hölschers Offerte schließlich ein und wird sein seit 17 Jahren in einem Lagerraum in Köln-Ossendorf ausgelagertes Studio für elektronische Musik ab Februar 2019 nach Haus Mölderath verlagern. Anfang diesen Jahres wurde ein „Projektkreis“ gegründet, der die künftige Trägerstruktur und das Nutzungskonzept ausarbeiten soll. Ihm gehören Vertreter der Musikhochschulen in Köln, Essen und Detmold, der Medienhochschule Köln, des NRW-Kultursekretariats, der Deutschen Gesellschaft für elektroakustische Musik (DEGEM), der Stadt Köln sowie der Stiftung Haus Mödrath an.

Den Umbau des seit 1980 denkmalgeschützten Herrenhauses realisierten Sollich-Architekten aus Berlin. Der rund fünf Hektar große Park rund um die Burg soll durchforstet und umgestalten werden. Denn es handelt sich ursprünglich um einen typischen englischen Landschaftsgarten, der aber mit der Zeit zugewuchert ist. In dem Park sollen Skulpturen aufgestellt werden.

Das Gebäude ist das letzte Haus des Umsiedlungsortes Alt-Mödrath. Es hat circa 1000 Quadratmeter Wohnfläche, 15 Schlafzimmer und Bäder, vier offene Kamine, Ateliers und eine Kapelle.

Wesentlicher Kern dabei war der Rückbau von baulichen Zufügungen durch vormalige Eigentümer fast bis auf den Rohbauzustand des Anwesens. Das Treppenhaus im Inneren konnte erhalten werden.

Doch geht es um die „Zukunftsperspektive“. Das Studio war ein wesentlicher Teil des Lebenswerks von Karlheinz Stockhausen und hat auch durch die Arbeit von Komponisten wie Eimert, Koenig, Pousseur, Ligeti, Krenek, Xenakis und anderen seit langem den inoffiziellen Status als „Weltkulturerbe der elektronischen Musik“.

Am Anfang des Studiobetriebes stand 1951 ein technischer Urknall. Für die Realisation dessen, was wir heute elektronische Musik nennen, wurde die Zweckentfremdung von Geräten aus der Mess- und Prüftechnik des Rundfunks entscheidend. Filter und Sinus-Tongeneratoren wurden bis dato nur von den Technikern benutzt, um Testtöne zu erzeugen, Fehlerquellen einzugrenzen oder Störungen auszufiltern. Jetzt dienten sie zur Klangerzeugung. Zur Erschaffung von komponierten Klangstrukturen war ihr Einsatz etwas völlig Neues. Damit kam auch die Hoffnung auf, eine alte Idee aus der Seriellen Musik, Klangfarbenmusik zu erstellen, endlich verwirklichen zu können.

In Aufführungen von Stockhausens Komposition Originale 1961 wirkte damals auch Nam June Paik mit. Bald entwickelte Paik die „Aktionsmusik“, bei der er Instrumente schon mal zertrümmerte und zersägte und zufällige Geräusche mit klassischen Klängen mischte, die u. a. auch aus Tonbandgeräten kamen. Im Dach-Atelier von Stockhauses Geliebter Mary Bauermeister in der Lintgasse 28 traf er u.a. auf John Cage, Merce Cunningham, Christo und Ben Patterson. Berühmt ist die Szene, wo Paik John Cage bei einer Aufführung seiner Komposition Etude for Piano Forte 1960 den Schlips abschneidet und Cage anschließend shampooniert. Das Studio wurde über den Umweg Bauermeisters Dachstube auch zum Anreger von Fluxus und Happening, der Performance-Kunst, schließlich auch der Medienkunst und der Elektro-Popmusik von Kraftwerk bis Pink Floyd.

Wann der Projektkreis in Kerpen erstmals zusammentritt, wann und welche Zukunft er finden wird, steht einstweilen in den Sternen. Wie würde Paik sagen: „Jetzt ist: Utopie. Das ist wichtig.“

Bereits jetzt ist die sehenswerte, von Veit Loers kuratierte Ausstellung „Aftermieter“ in Haus Mödrath zu sehen (bis zum 18. November).

C.F.Schröer

Der den Beat hat

Den Beat haben, heißt einem ausgeprägten Rhythmus folgen. Dementsprechend hat Beat Wismer seinem (Vor)namen alle Ehre gemacht. Als Generaldirektor des Düsseldorfer Museum Kunstpalast, einem nur

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